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von Peter Schlapp

– Die Astrologie –

Eine Wissenschaft oder eine Kunst?


Mit der Beantwortung dieser Frage könnte man es sich leicht machen und sich auf den Standpunkt stellen, dass es eigentlich gleichgültig ist, ob die Astrologie mehr den Wissenschaften, im Besonderen den Naturwissenschaften oder der Kunst zuzuordnen ist.

Wesentlich ist doch nur, dass von ihr für den Menschen hilfreiche Impulse und Wirkungen ausgehen. Ganz so einfach ist die Sache jedoch nicht. Denn je nach dem wie man die Frage beantwortet, geschieht dies vor einem unterschiedlichen Bewusstseinshintergrund und einem anderen Bild vom Wesen des Menschen. Genau genommen ist die Astrologie weder eine reine Wissenschaft noch eine reine Kunst, sondern ein eigenständiges Phänomen, eine Entität. Annähernd könnte man sie als eine Kunst beschreiben, die sich wissenschaftlicher Mittel bedient, oder auch als eine Erfahrungswissenschaft im Gegensatz zur rein experimentellen Wissenschaft.

Um dies zu untermauern, sollte man zunächst den Unterschied zwischen der Astronomie und der Astrologie näher beleuchten. Es ist ohne Zweifel so, dass beide Betrachtungsweisen kosmischer Vorgänge über viele Jahrhunderte hindurch nicht getrennt waren. Aus einer anfänglich magisch-mythisch-religiös betonten Beobachtung des Himmels und seiner planetarischen Signaturen hat sich im Laufe der Jahrhunderte eine rational und psychologisch betonte Betrachtungsweise herauskristallisiert beziehungsweise abgespaltet.

Die archaische astrologisch-astronomische Ur-Mutter hat zwei Kindern das Leben geschenkt: der Astrologie und der Astronomie. Das ehemals kooperative Mutter-Kind-Verhältnis hat sich aufgelöst. Während die Astrologie einen gewissen mythisch-magischen Ansatz beibehalten hat, hat sich die Astronomie von diesen Anteilen der von ihr eher ungeliebten Ur-Mutter sowohl inhaltlich als auch emotional und rational getrennt.

Die Unterschiede der beiden Betrachtungsweisen liegen auf der Hand. Die Astronomie beschäftigt sich ausschließlich mit der materiellen Beschaffenheit der Gestirne. Sie misst ihre Bahngeschwindigkeiten, ihre spezifischen Gewichte, ihre Dichte, ihre Temperaturen, ihre Strahlungen, ihre Gravitationsverhältnisse und vieles andere mehr. Bei all ihren Untersuchungen fragt sie jedoch nicht nach dem hinter all diesen Phänomenen möglicherweise verborgenen Sinn. Sie fragt nicht danach, ob hinter all den gemessenen Vorgängen am Himmel eine wie auch immer geartete Absicht, ein Sinn oder ein Ziel verborgen sind. Sie ignoriert die Frage, ob dieser immense Kosmos (gr. kosmos = Ordnung), ob also diese Ordnung vielleicht von einem geistigen Prinzip oder Gesetz gesteuert wird. Und wenn ja, wem dieses Prinzip oder Gesetz dienen und wohin das Ziel weisen könnte.

Demgegenüber ist die Astrologie an den rein materiellen Bedingungen des Kosmos nur insoweit interessiert, als sie für ihre eigenen Aussagen notwendig sind. Sie richtet ihr Hauptaugenmerk auf den in den beschriebenen Phänomenen waltenden Geist und auf den Sinn, der damit verbunden sein könnte. Dieser wesensmäßige Unterschied lässt sich auch an äußeren Erscheinungen festmachen. Die Astronomie hat im Laufe ihrer Geschichte eine Fülle neuer und immer feinerer Instrumente entwickelt, um zu noch eindeutigeren Aussagen zu kommen. Sie setzt Materie ein, um die Materie zu erforschen. Sie folgte der Forderung Galileis: «Alles, was messbar ist, messen, alles, was nicht messbar ist, messbar machen.»

Im Vergleich dazu bedient sich die Astrologie –trotz aller auch bei ihr zu verzeichnenden Fortschritte– auch heute noch geradezu archaischer Mittel. Neben einem fundierten und über Jahrhunderte tradierten astrologischen Erfahrungswissen arbeitet sie mit Intuition, Kreativität, Einfühlungsvermögen, mit Psychologie, religiösen und philosophischen Vorstellungen und nicht zuletzt mit einer auf den Gegenstand ihrer Untersuchungen gerichteten einfühlsamen Liebe. Dort, wo die Astronomie dem Wandel der Zeiten unterworfenes technisches Gerät einsetzt, vertraut die Astrologie in ihren Analysen auf die zeitlose Wahrheit von Symbolen, Archetypen und religiösen, philosophischen und psychischen Erfahrungen.


Nun hat aber in den letzten Jahrzehnten die Technik in Form von Computern auch in der Astrologie Einzug gehalten. Kaum ein Astrologe berechnet seine Horoskope heute noch mit der Hand. Die reine Berechnung der Planetenstände hat für ihn der Computer übernommen. Sobald jedoch die Daten vorliegen, arbeitet der heutige Astrologe noch nach den gleichen Methoden, wie sie schon über Jahrhunderte praktiziert werden. Man könnte dies mit der Kunst des Schauspielers vergleichen.

Auch die Arbeit des Schauspielers hat sich seit den frühesten Anfängen der darstellenden Kunst nicht wesentlich verändert. Noch immer steht trotz aller Bühnentechnik in Theateraufführungen der Schauspieler, also der Mensch im Mittelpunkt, noch immer bilden sein Körper, seine Stimme, sein Bewegungsgestus die wesentlichen Werkzeuge seiner Arbeit. Vergleichbares gilt für die Astrologie. In ihrem Zentrum steht der Sinn suchende Mensch. Als Menschen können wir den Himmel aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachten: religiös, physikalisch- naturwissenschaftlich, philosophisch und astrologisch.

In unseren religiösen Vorstellungen glauben wir, dass dort die Heimstatt Gottes ist, des Schöpfers des Himmels und der Erden. Unter einem physikalischen Fokus betrachten wir den Himmel als eine Ansammlung unzähliger Himmelskörper, die sich nach von uns erkannten physikalischen Gesetzen in einer bestimmten Weise verhalten. Gemäß einer philosophischen Betrachtungsweise vermuten wir im Himmel einen wie immer waltenden Geist, ein Gesetz, das im Sinne der Entelechie an Entwicklungszielen arbeitet. Im Sinne einer magisch-mythischen Psychologie haben wir den Himmel mit Göttern und Göttinnen bevölkert, um uns in ihnen zu spiegeln. Ähnliches geschieht in der Astrologie. Wir interpretieren den Lauf der Planeten und ihre Beziehungen untereinander, zur Erde und dem Menschen als eine Art Projektionsfläche, auf die wir unsere Lebensfragen projizieren, um dort von uns zu entschlüsselnde Antworten zu erhalten. Sowohl die religiösen, als auch die philosophischen, psychologischen und astrologischen Betrachtungsweisen werden in der Regel von den Vertretern der Naturwissenschaften im besten Falle als bloße Glaubensangelegenheiten, im schlechtesten Falle als Aberglauben abqualifiziert.

Was sie allerdings bei dieser diskriminierenden Beurteilung übersehen, ist, dass es so etwas wie Aber-glauben eigentlich gar nicht gibt. An welchen Gott oder an welche Macht auch immer ein Mensch glaubt, heißt doch, dass auch er aus tiefstem Herzen glaubt und nicht aber-glaubt. Die Einschätzung seines Glaubens als Aberglauben beruht eigentlich nur auf dem religiösen oder auch wissenschaftlichen Hochmut von Andersgläubigen, die, um den eigenen Glauben zu sanktionieren, den anderen Glauben als Aberglauben verteufeln müssen. Eigentlich kann die Frage doch nur lauten: glaube ich oder glaube ich nicht? Stärkt mich mein Glaube, schöpfe ich Hoffnung und Erfüllung aus meinem Glauben oder nicht? Wenn dies in einer für den Betroffenen erlösenden Weise geschieht, erscheint die Frage woran er glaubt, sekundär. Ungeachtet dessen heißt dies nicht, dass Astrologen an die Astrologie glauben. Sie machen mit ihr Erfahrungen.

Die Wissenschaft beruft sich mit ihrem Urteil und ihrer Verurteilung der Astrologie auf ihre Objektivität und eine zu fordernde wissenschaftlich-experimentelle Überprüfbarkeit aller Aussagen. Die Vertreter der Naturwissenschaften sollten jedoch gerade mit diesen Kriterien sehr vorsichtig umgehen. Zum einen entlarven sich ihre Wahrheiten von heute immer wieder als Lügen von morgen. Darüber hinaus verbieten die Ergebnisse der Forschungen in der Quantenphysik noch von Objektivität zu sprechen, da von der Rolle des Beobachters, also des Menschen, bei der Bewertung der Ergebnisse eines beispielsweise physikalischen Experimentes nicht mehr abgesehen werden kann. Im besten Falle können wir von Intersubjektivität sprechen.

Im Gegensatz dazu stellen sowohl die Religionen als auch die Philosophie, die Psychologie und nicht zuletzt die Astrologie diesen Beobachter, also den Menschen, in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Sie betrachten den Menschen als eine von der Schöpfung so und nicht anders gewollte Singularität und erweisen ihm damit den ihm zukommenden Respekt als einem Geschöpf Gottes. Der für die Wissenschaften typischen Vereinheitlichung stellen sie die Achtung vor einer höchsten Individualität gegenüber.

Carl Friedrich von Weizsäcker beschreibt die Haltung der Wissenschaft so: «Die Philosophie stellt diejenigen Fragen, die nicht gestellt zu haben die Erfolgsbedingung des wissenschaftlichen Verfahrens war.» Erst durch entweder den totalen Verzicht oder die partielle Ausklammerung auch religiöser, psychologischer und nicht zuletzt astrologischer Fragen nach dem Sinn aller physikalischen Phänomene vermögen die Naturwissenschaften erfolgreich zu arbeiten. Die Wissenschaft hält sich sehr zugute, dass sie wertfrei, emotionslos und sachlich vorgeht und argumentiert. Mit dieser Argumentation hat sie sowohl Recht als auch Unrecht. Wissenschaftliche Begriffe wie Sachlichkeit, Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit haben in der Astrologie nur eine bedingte Bedeutung. Da sich ihre Aussagen überwiegend auf Menschen beziehen, stellt dieser Mensch zunächst einmal keine Sache dar.

Der Mensch ist nicht, er geschieht. Wir leben, weil wir uns wandeln und verändern. Leben ist nicht statisch, sondern im Fluss. Die Astrologie respektiert die in jedem Menschen wesensmäßig angelegte sowohl Einmaligkeit als auch Widersprüchlichkeit. Da organisches Leben im Gegensatz zu technischen Produkten im Zusammenspiel seiner körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte niemals widerspruchsfrei sein kann, konstituiert sich der Mensch gerade dadurch als Mensch. Der deutsche Philosoph Hegel schreibt bezogen auf sein Denkmodell: "Etwas ist lebendig, nur insofern es den Widerspruch in sich trägt." Diese Einschätzung ist ohne Einschränkung auf den Menschen übertragbar. Nicht nur unsere Gefühle, auch unser Körper und unser Geist verwirren uns immer wieder mit unterschiedlichen Signalen, denen wir widersprüchlich folgen.

Genauso verhält es sich mit unseren Beziehungen zur Kunst. Das gleiche Kunstwerk, ob Gemälde, Sinfonie, Gedicht oder Plastik löst in verschiedenen Menschen unterschiedliche und widersprüchliche Reaktionen aus. Bei astrologischen Konstellationen ist es nicht anders. Die gleiche Konstellation äußert sich individuell bei einem Menschen auf der körperlichen, bei anderen auf der seelischen oder geistigen Ebene. Menschen reagieren organisch-vital und nicht mechanisch auf sie betreffende Einflüsse.

Die immer noch den inzwischen überkommenen wissenschaftlichen Vorstellungen anhängenden Wissenschaftler beschreiben die Phänomene der Welt, wie sie nach mechanischen Gesetzen gemäß dem Ursache-Wirkung-Prinzip ablaufen. Im Gegensatz dazu werden wir sowohl in der Kunst als auch in der Astrologie mit dem Geist und der Seele konfrontiert, die hinter den äußeren Erscheinungen der Welt walten. Wir sehen Analogien, Synchronizitäten, prozessuale Abläufe.

In einem Horoskop ist der in einem Menschen lebendige Geist symbolisch abgebildet. Das Horoskop gibt dem erfahrenen und seriösen Astrologen einen Schlüssel in die Hand, mit dessen Hilfe er die lebendige innere Struktur eines Menschen erschließen kann. Die Astrologie betrachtet den ganzen Menschen und schärft damit unsere Erkenntnis, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Darin ist die Astrologie der Kunst verwandt. Auch eine Sinfonie ist mehr als die Summe ihrer einzelnen Noten, ein Gedicht ist mehr als die Summe seiner Wörter. Man könnte in diesem Zusammenhang die Frage stellen, wer z.B. über eine Sinfonie mehr weiß, ein Musiker oder ein Akustiker? Dort, wo der Musiker oder ein musikalisch gebildeter Mensch emotionale Eindrücke empfangen, ihre Seele und ihr Geist berührt werden, misst der Akustiker die Wellenlänge bestimmter Töne. Beide wissen viel über die Musik, aber nicht dasselbe. Eine vergleichende Wertung ihres Wissens verbietet sich.

Die Bestrebungen einzelner Astrologen, die Astrologie in den Rang einer Wissenschaft zu erheben, zeugen nur von deren wenig ausgeprägtem Selbstbewusstsein. Ohne sich dessen bewusst zu sein, suchen sie für sich selbst und die Astrologie nichts anderes als die der Wissenschaft eigenen akademischen Weihen. Sie glauben, ein akademischer Grad, beispielsweise ein Dr. Astrol. vor ihrem Namen würde ihre Persönlichkeit aufwerten und ihre astrologische Kompetenz unterstreichen. Überall dort, wo die Astrologie schon in den Sog einer Verwissenschaftlichung geraten ist, finden wir als Ergebnisse jedoch nur statistische Aussagen über die Häufigkeit bestimmter Merkmale bei Menschen mit vergleichbaren planetarischen Konstellationen. Mit diesem fadenscheinigen Gewinn gibt diese Art der Astrologie jedoch genau das auf, worin ihre Stärke und Einmaligkeit liegt.

Es zeichnet die seriöse Astrologie aus, dass sie den Menschen eben nicht nach statistischen Mustern betrachtet, sondern seine freie und individuelle Entfaltung zu erkennen und zu fördern hilft. Im Falle einer wissenschaftlichen Anerkennung würde die Astrologie das gleiche Schicksal erleiden, in das sich die Psychologie auf ihrem nicht unähnlichen Heilsweg in die Wissenschaften schon klaglos gefügt hat, nämlich ihre wesensmäßig dem Leben dienenden Aussagen einer fragwürdigen statistischen Vereinheitlichung opfern. Im Versuch, die Astrologie aus ihren mythischen, magischen, religiösen und philosophischen Wurzeln zu reißen, sitzen bestimmte Astrologen einem fatalen und gemessen am Stand der heutigen Wissenschaft rückschrittlichen Fortschrittsglauben auf, der ihnen suggeriert, das Wesen der Welt und des Menschen könnte rein technisch, mechanisch und statistisch erklärt werden.

Der mittlerweile eigentlich als überwunden geltende Kartesianismus dreht sich im Grabe und zeugt Schattenwesen, die sich für Lichtgestalten halten. In der Anbiederung an die Wissenschaft offenbart sich der Kleinmut von Astrologen, die jeden Glauben an und jede Gewissheit über die Authentizität und Würde der Astrologie verloren haben.

In der Anbindung und Befolgung des hermetischen Gesetzes Wie oben, so unten kann sich die Astrologie auf einen kosmischen Ursprung beziehen, der alle Zeiten überdauert hat und überdauern wird. Wenn wir im christlichen Vaterunser beten Wie im Himmel, so auf Erden, folgen wir der Weisheit des hermetischen Gesetzes. Die Hervorhebung des Wie .., so .. ist deswegen so bedeutsam, weil es dabei um eine Analogie geht und nicht um eine Ursache-Wirkung-Verbindung im Sinne eines Weil oben, deshalb unten. Alle Versuche, die Astrologie ihrer singulären, mit nichts zu vermischenden Entität zu berauben und ihren kosmisch-göttlichen Ursprung krampfhaft in die ihr wesensfremde Welt der Wissenschaften zu integrieren, wertet die Astrologie nicht auf, sondern ab.

Vielleicht lässt sich das Wesen, die Aufgabe und die Zielsetzung der Astrologie am Besten mit einer zen-buddhistischen Aussage beschreiben. Auf die Frage: «Was ist der tiefste Sinn der heiligen Wahrheit?» antwortete Bodhidharma: «Offene Weite, nichts von heilig».